16. Oktober 2018 Keine Kommentare San Esprit

Itier will Präsident werden

Auf den Heilertagen tummeln sich allerlei prominente Gäste. In diesem Jahr dürfen wir bereits zum dritten Mal den Filmemacher Emmanuel Itier aus Hollywood begrüßen. Mit Gastgeberin und San Esprit Gründerin Annette Müller verbindet ihn eine enge Freundschaft. Darüber hinaus arbeiten die Beiden an mehreren dokumentarischen Filmprojekten, von denen zwei bereits veröffentlicht wurden. Im zweiten Teil des Interviews spricht Itier über sein aktuelles Projekt mit Annette Müller, seine Motive und wohin die Reise geht.

 

Momentan arbeitest Du mit Annette Müller an einem weiteren großen Projekt. Kannst Du uns Einblicke gewähren?

Emmanuel Itier mit Dr. Daniele Ganser, Friedensforscher und Historiker aus Basel

 Gerne. Wir hatten eben darüber gesprochen, welche großartige Arbeit das Festival DO UT DES in einer Welt voller Negativität und Hass leistet. Genau in diesem Kontext führen wir unsere Arbeit weiter. Unser aktuelles Projekt heißt „GUNS, BOMBS AND WAR: A love story“. Der Film ist eine Studie darüber, warum wir so von Waffen und Gewalt fasziniert sind. Das beginnt nämlich alles schon recht früh in unserer Kindheit, wenn wir als kleiner Junge von unserem Vater eine Spielzeugpistole geschenkt bekommen. Wir fühlen uns dann wie Superman, denken mit Gewalt ließe sich jedes Problem lösen. Das hinterlässt dann sehr früh einen psychologischen Schaden in dem Kind. Denn die Wahrheit ist: Waffen lösen keine Konflikte, sie töten Menschen! Selbst aus Sicht der profitorientierten Konzerne ist das ein suboptimales Geschäftsmodell: Es tötet Konsumenten, also diejenigen, die die Grundlage für ihren Reichtum bilden. Das ist nicht nachhaltig.

Wie stehst du persönlich zu Waffen?

Ich bin nicht per se dagegen. Sie kümmern mich nicht. Als kleiner Junge habe ich selbst ein paar Mal geschossen, da mein Großvater Jäger war. Das Problem sind nicht die Waffen, sondern die Menschen am Abzug. Ich bin nicht so naiv und denke wir könnten alle Waffen einfach loswerden, das wäre utopisch. Da wäre es noch leichter alle Atombomben loszuwerden, das sind „nur“ noch 15.000 Stück in etwa. Aber wir sollten uns nicht auf die Waffen konzentrieren. Es ist der Mensch, auf den wir uns konzentrieren sollten. In meiner Straße bin ich der Einzige, in dessen Haushalt es keine Handfeuerwaffe gibt. Stell dir das mal vor! Meine Nachbarn fragen mich schon was mit mir nicht stimmt und was ich denn machen werde, wenn ein Einbrecher kommt. Aber ich denke mir, wer auch immer die Gefahr darstellt – er schießt erst recht auf mich, wenn ich mit einer Pistole herumfuchtele. Ohne Waffe überlebe ich vielleicht.

 Und der richtige Weg?

 Wir müssen die Gesellschaft weiterentwickeln und den Frieden vorantreiben, beziehungsweise das Bewusstsein für Frieden. Genau das ist auch Annettes Vision. Unsere Chancen stehen gut: Es sind nur wenige die den Krieg propagieren, aber Milliarden von Menschen die im Frieden leben wollen. Es ist Zeit, dass wir gemeinsam laut werden, demonstrieren, Filme machen und Bücher schreiben – oder eben ein Festival veranstalten und Heilung bringen wie Annette.

Dechen Dagsay, Emmanuel Itier und Annette Müller in Basel beim Interview zum neuen Filmprojekt

Bist Du Pazifist?

Wenn, dann ein sehr aktionistischer Pazifist. Zumindest bin ich kein naiver Hippie. Ich weiß, dass man für seine Ziele aufstehen muss. Genug bla bla. Es wird Zeit für Taten, denn wir wollen Veränderung.

Du bist sehr engagiert und widmest Dein Leben der Gesellschaft. Was treibt Dich an?

Dazu müssen wir zurück in meine Kindheit gehen. Mein Vater war Arzt bei der französischen Marine, weswegen wir an vielen verschiedenen Orten außerhalb Frankreichs gelebt haben. Obwohl ich diesen starken französischen Akzent habe, identifiziere ich mich nicht über meine französische Herkunft. Ich habe viel Zeit in Australien und Singapur verbracht. Außerdem habe ich Familie in Deutschland, Spanien und England – auch dort war ich lange Zeit. Meine vergangenen 30 Jahre hingegen habe ich überwiegend in den USA gelebt. Das alles hat unterm Strich dazu geführt, dass ich nicht nationalistisch geworden bin und mich keinem Land verpflichtet fühle – sondern dem Planeten als ganzen. Seit ich 15 Jahre alt bin, wollte ich immer schon Menschen inspirieren. Ich wollte sie nie belehren oder unterrichten. Aber ich wollte sie berühren und ihnen Dinge bewusst machen. Zu dieser Zeit habe ich den Film für mich entdeckt. Auch damals schon haben mich viele gesellschaftstheoretische Aspekte interessiert. So waren die vergangenen Jahrhunderte von der Liberalisierung des Körpers geprägt. Ein Beispiel dafür ist die Sklaverei. Das waren sehr wichtige Schritte für die Menschheit. Im 21. Jahrhundert ist die Liberalisierung des Bewusstseins der nächste wichtige Schritt unserer Entwicklung. Das ist jedoch nicht leicht, weil es so ein heikles Thema ist. Wir werden von vielerlei Einflüssen stark geprägt. Kultur ist ein Beispiel dafür, ebenso das Elternhaus. Wenn du in einer Familie von Ku-Klux-Klan Mitgliedern aufwächst – wie hoch sind deine Chancen Pazifist zu werden? Das wird schwer sich davon zu befreien. Genau deshalb mache ich das – ich möchte den Geist befreien. In diesem Beispiel wäre es der Exorzismus von der eigenen erlernten Dummheit.

Wohin geht die Reise?

Nun, für mich ist der Film auch eine politische Plattform. Meine Dokumentationen spiegeln meine Einstellung wieder, was ich denke und für was ich stehe. Ich bin jetzt 51 Jahre alt und die nächsten 10 Jahre möchte ich genau das tun – Dokumentationen. Ich möchte dadurch noch mehr über das Leben lernen, denn die Dreharbeiten sind auch immer eine persönliche Weiterentwicklung und Weiterbildung – und eine sehr wertvolle noch dazu. Es sollen die nächsten Jahre noch einige Filme folgen um somit mein kreatives Wirken zu verbreitern und damit jedem verdeutlichen für was ich stehe.

Hört sich an als würde es danach noch an anderer Stelle weitergehen…

 …definitiv! Danach möchte ich mich der Politik widmen. Bis dahin habe ich 10 bis 15 Dokumentationen gedreht und jeder weiß genau, für was ich als Mensch stehe: Für Einigkeit, Geschlechtergleichheit, Frieden und Liebe. Das bin ich und darauf habe ich mein Leben verwendet. Wollt ihr mich für ein politisches Amt? Wollt ihr mir Verantwortung geben, für ein Land oder den Planeten? Ich finde die Vereinten Nationen vom Konzept her großartig. Die UN funktioniert zwar nicht, doch sie sind ein gutes Modell, das funktionieren kann. Auch die G8 und die G20 sind gute Ansätze, aber die falschen Menschen treffen dort die Entscheidungen. Zwar gibt es dort auch gute Amtsträger, aber leider auch viel Inkompetenz.

Verändern wir die Politik und die Wirtschaft

Warum ist das so? 

Viele Politiker werden dazu ausgebildet Politiker zu sein. Ich denke das ist falsch. Man sollte ein volles Leben mit vielen Erfahrungen führen und erst dann, mit 60 in die Politik gehen – sofern man noch Energie hat. Dann kann man die letzten Jahrzehnte seines Lebens der Gesellschaft widmen und in ihrem Sinne wirken. Viele Probleme würden sich so erübrigen: In dem Alter spielt das Ego eine weniger bedeutende Rolle als noch in jungen Jahren. Auch Geld ist dann nicht mehr die treibende Kraft, man ist frei von Manipulation und Korruption. Viele Politiker haben keine Verbindung mehr zu den Bürgern. Ein Beispiel dafür konnte ich erst vor kurzem im französischen Fernsehen beobachten. Sogar Präsident Macron, den ich an sich im europäischen Vergleich für einen guten Politiker halte, krankt daran. Die Reporter zeigten ihn in einem armen Vorort von Paris mit einer Gruppe Jugendlicher. Als einer der Heranwachsenden sich über den Mangel an Arbeitsplätzen beklagte, entgegnete Macron ihm, dass er doch nur die Straße überqueren müsse und in dem Café anfangen kann. Aber so leicht ist das eben nicht. Selbst wenn du dort eine Arbeit hast, reicht das bestenfalls um gerade so zu leben und die Miete zu zahlen. Außerdem werden wir viel mit Zahlen getäuscht.

Wie meinst Du das? 

Bei uns in Amerika propagieren sie die niedrige Arbeitslosenquote, aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Menschen fallen schlicht und ergreifend durch das Raster, aus dem System und werden nicht registriert. Das heißt aber nicht, dass sie arbeiten und selbst wenn, dann ist es oft ein beschissener Job der schlecht bezahlt wird und oftmals nicht einmal reicht um die Familie zu ernähren. Natürlich kommen die Politiker dann immer mit dem Wirtschaftswachstum. Aber was bedeutet das? Nun im Grunde, dass das reichte Prozent jetzt noch mehr Geld hat wegen ihren Unternehmensanteilen. Ich selbst habe keine Aktien, ein bescheidenes Zuhause und ein Auto mit 300.000 Kilometern auf der Anzeige. Wir haben keine Altersvorsorge und leben von einem Gehaltsscheck zum nächsten. Hört auf zu lügen! Hört auf uns zu manipulieren! Es reicht. Wir müssen endlich ein tragfähiges Modell für die Gesellschaft finden. Das ist mein Anliegen und mit einer der Gründe, warum ich das hier mache.